Groebner: „Blogs vermitteln das Gefühl rastloser Masturbation“

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Ein Vortrag und ein FAZ-Zeitungsartikel des Luzerner Geschichtsprofessors Valentin Groebner sorgen im Internet für Aufsehen. Was hat es auf sich, mit dieser Form der Wissenschaft im digitalen Zeitalter? Eine Replik.

Vorbemerkung: Ich könnte diesen Text als Blogger schreiben, als Journalist oder als aufmerksamer Zeitungsleser. Ich schreibe diesen Kommentar jedoch als Student, als einer, der die Wissenschaft schon immer mit der digitalen Brille gesehen hat.

Gedruckte Bücher sind das Mass aller Dinge, so Groebner: “Weil sie eben keine Korrektur-, update- und refresh-Funktion haben, sind sie – wenn sie gut gemacht sind – Ergebnis pur.” Beständig sind Bücher, aber eben auch nicht erneuerbar. Bücher sind Zeugnisse vergangener Zeiten: Werden sie nicht zu Klassikern, so geraten sie ebenso wie Blogs in Vergessenheit. Trotzdem mögen sie den Vorteil haben, dass man Bücher wiederentdecken kann, nicht beachtete Blogs verschwinden umso schneller vom Netz. Demgegenüber steht jedoch die Unmöglichkeit, aktuelle Debatten über Bücher auszutragen. Nichts ist spannender und gewinnbringender als eine Diskussion im Netz – Actio und Reactio.

„Das Netz hat den Zwang zur Selbstdarstellung innerhalb der Wissenschaft unübersehbar gemacht“, schreibt Groebner in der FAZ. Und man mag ihm vielleicht sogar zustimmen, dass das Veröffentlichen eines Blogs – positive Reaktionen und Klicks vorausgesetzt – eine Art von Selbstbefriedigung auslöst. Ist das schlecht? Viel eher hilft das Internet doch auch dabei, sich der eigenen Unwichtigkeit bewusst zu werden. „Nirgendwo verschwindet man so schnell und so gründlich wie im Netz“, folgert denn auch Valentin Groebner. Aber, manch ein Buchtautor mag vergessen, dass das eigene Buch unbenutzt im Regal stehen kann. Das gute Gefühl, den eigenen Namen auf dem Buchrücken zu lesen, scheint unbezahlbar. Gäbe es diese Selbstbefriedigung bei Buchautoren nicht, so könnte die Wissenschaft schon lange die wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Vordergrund stellen – dennoch: Ein bekannter Name sichert das wissenschaftliche Überleben.

Valentin Groebner schreibt, die Informationen aus dem Netz müssten mit gedruckten Informationsspeichern verifiziert und stabilisiert werden. Meiner Meinung nach darf dies jedoch nicht dazu führen, die Relevanz des Internets für die Wissenschaft zu bestreiten. Genau dies, erlebe ich jedoch in meinem studentischen Alltag immer wieder. Am Erstsemestrigentag wird den Neustudierenden seit Jahren abgeraten, mit Google zu recherchieren. In manchen Lehrveranstaltungen gibt es statt digital-downloadbarer Texte nur gedruckte und manch ein Dozent verweist darauf, dass wichtige Informationen gedruckt sein müssen. „Buch-Fetischisten“, wie sie von Klaus Graf genannt werden, verhindern, dass Studierende zeitgemässe Arbeitstechniken verwenden können.

Die Digitalisierung der Welt ist nicht aufzuhalten, die Aufgaben, die sie uns stellt, sind mannigfaltig. Für Universitäten und Bibliotheken bedeutet sie, Wege zu finden, wie auch digitale Erzeugnisse archiviert werden können – sei es digital oder auf Papier. Die Qualität der archivierten Erzeugnisse sollte in diesem Kontext jedoch geprüft werden, schliesslich sind auch nicht alle der täglich in Deutschland erscheinenden 240 Bücher  (Zahl von Valentin Groebner im FAZ-Artikel) unbedingt aufbewahrenswert.

Für den Nutzer soll die Digitalisierung aber die Möglichkeiten offen lassen, wie er wissenschaftliche Erkenntnisse verarbeiten möchte – das Lesen von Texten auf digitalen Geräten ist nichts Verbotenes.

Und nicht zuletzt sollten wir wissenschaftliche Blogs als Chance sehen, manch ein Artikel schwappt dank Social Media auch in die breitere Öffentlichkeit – das kann der Wissenschaft wahrhaftig nicht schaden. Eine Wissenschaft, die in vielen Fällen immer noch darauf angewiesen ist, dass die Öffentlichkeit bereit ist, sie zu finanzieren. Gerade Kulturwissenschaften sollten diese Möglichkeit nutzen, ihre Relevanz breit zu streuen. Dazu sind alle Kanäle nötig.

Und so wäre mein Vorschlag: Unterscheiden wir in Zukunft also Blogs von wissenschaftlichen Publikationen. Blogs transportieren Wissenschaft nach aussen, bewegen sich im Netz, lassen Debatten aufleben und verstummen – sie sind manchmal flüchtig, aber Zeugen einer bestimmten Zeit.

Publikationen (ob digital oder analog verfügbar) sind Güter, die zurückblicken und vorausschauen. Sie sortieren, archivieren und übernehmen relevantes Material. Richtige Publikationen leben von der Sorgfalt ihrer Produktion und sind so „Ergebnis pur“. Die Dynamik eines Blogs werden sie nie erreichen, doch das sollten sie auch nicht müssen.

Lassen wir beide Formen leben, beide sind wichtig und haben ihre ganz eigenen Chancen und Risiken.

 

Was ist deine Meinung? Muss Wissenschaft in gedruckter Form stattfinden oder können digitale Erzeugnisse auch eine Relevanz aufweisen?

Text von Valentin Groebner in der FAZ-Printausgabe (6.2.2013 – kostenpflichtiges E-Paper)

Replik von Anton Tanner, Historiker und Blogger

Replik von Klaus Graf, Historiker und Blogger

Replik von Jan Hodel

 

Hinweis: Die Blogs widerspiegeln die persönliche Meinung der Autorinnen und Autoren. 

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